Über das Netzwerk

Schulden machen. Praxeologie der Staatsverschuldung im langen 20. Jahrhundert

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Das Netzwerk widmet sich der Praxis der Staatsverschuldung in historischer Perspektive. Es rückt die konkreten Verfahrensweisen, die situativen Entscheidungen und die Akteursbeziehungen im Bereich der Schuldenpolitik im langen 20. Jahrhundert in den Fokus und fragt insbesondere nach deren Bedeutung für die Aushandlung der sich wandelnden Grenzen zwischen „Staat“ und „Markt“. Damit erweitert es die bisherige, oft deterministisch geführte Forschungsdebatte um Erkenntnisse zu historisch spezifischen Zusammenhängen zwischen finanzwirtschaftlichem Handeln, sozialem Wissen und ökonomischen Effekten.

Aus der breiten praxeologischen Diskussion in den Kultur- und Sozialwissenschaften der letzten Jahre werden für die Überlegungen des Netzwerkes insbesondere die Aufmerksamkeit für informelle Verhaltensweisen, für die Materialität von Praktiken und für die Eigenlogik praxisbezogener Wissensbestände herangezogen. Was Staatsverschuldung jeweils war und welche Folgen staatliches Schuldenmanagement zu unterschiedlichen Zeitpunkten seit dem späten 19. Jahrhundert hatte, wird also in eine reflektierte Beziehung zu Entscheidungssituationen gebracht – und nicht allein als berechenbares Ergebnis theoretischer Modelle oder konzeptueller Ordnungen verstanden.

Im interdisziplinären Austausch zwischen Geschichts-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaftlern soll die Praxis des „Schulden machens“ in ihrer Komplexität und Widersprüchlichkeit betrachtet werden. Ziel ist es, den Prozesscharakter und historischen Wandel des alltäglichen (politischen) Umgangs mit öffentlichen Schulden zu verstehen und zu erklären.

 


 

Doing debt. Praxeology of sovereign debt in the long 20th century

The network is studying practices of sovereign debt in historical perspective. It will focus on concrete procedures, situational decisions, and actor relations within politics of debt throughout the long twentieth century, and will put special emphasis on their significance for the negotiation of shifting boundaries between „the state“ and „the market.“ By doing so, it intends to avoid the deterministic view taken in many academic debates so far and to add specific insight into historical connections between financial practices, social knowledge, and economic effects.

The network draws on the recently broad praxeological discussion in cultural studies and the social sciences, relating to its sensitivity for informal behaviour, for the materiality of practices, and for the intrinsic logics of actor knowledge. The respective meanings of sovereign debt in the past, and the effects of public debt management since the late 19­th century will be situated within moments of decision-making – rather than understanding them as calculable effects of theoretical models or conceptual orders.

The interdisciplinary exchange between history, economics and social sciences thus shall enable a more sophisticated study of debt practices that takes their complexity and inconsistency into account. It aims at understanding and explaining the processual character and historical change of everyday (political) handling of public debt.